Ausgangspunkt war das Gedicht "Großstadtliebe" von Mascha Kaléko - ein Liebesgedicht, das bewusst mit Erwartungen bricht. In einer düsteren, nüchternen und beinahe trostlosen Großstadtatmosphäre beschreibt es eine oberflächliche Paarbeziehung ohne echte Nähe, Perspektive oder Tiefe. Gefühle wirken funktional, Begegnungen austauschbar, Liebe erscheint mehr als Gewohnheit denn als Verbundenheit.
Genau hier setzte die SV 5B an. Die Aufgabe: das Gedicht umschreiben - nicht kopieren, sondern weiterdenken, spiegeln, verwandeln. Die Schüler*innen verfassten Parallelgedichte, in denen sie die Stimmung bewusst umkehrten. Aus Kälte wurde Nähe, aus Leere Bedeutung, aus distanzierter Zweckgemeinschaft echte Beziehung. Die Großstadt blieb - doch sie bekam plötzlich Wärme, Hoffnung und Tiefe.
Die Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, wie intensiv sich die Klasse mit Sprache, Atmosphäre und Aussage auseinandergesetzt hat. Es entstanden Gedichte, die sensibel formuliert, sprachlich durchdacht und inhaltlich erstaunlich reif sind. Jedes einzelne spiegelt eine eigene Sicht auf Liebe, Beziehung und Zusammenhalt wider und beweist, dass Lyrik auch heute noch etwas zu sagen hat.
Ein besonders gelungenes Parallelgedicht sowie das Originalgedicht sind weiter unten auf dieser Seite zu lesen - eine Einladung zum Vergleichen, Weiterdenken und Entdecken, wie unterschiedlich Sprache wirken kann, je nachdem, welche Haltung und Perspektive man ihr gibt.
Die SV 5B hat mit dieser Arbeit gezeigt, dass literarische Texte nicht nur analysiert, sondern auch kreativ weitergeführt werden können - und dass aus einer düsteren Großstadtliebe manchmal eine ganz neue, hoffnungsvolle Version entstehen kann.
Originalgedicht:
Mascha Kaléko: Großstadtliebe
Man lernt sich irgendwo ganz flüchtig kennen
Und gibt sich irgendwann ein Rendezvous.
Ein Irgendwas, – ’s ist nicht genau zu nennen –
Verführt dazu, sich gar nicht mehr zu trennen.
Beim zweiten Himbeereis sagt man sich ›du‹.
Man hat sich lieb und ahnt im Grau der Tage
Das Leuchten froher Abendstunden schon.
Man teilt die Alltagssorgen und die Plage,
Man teilt die Freuden der Gehaltszulage,
… Das übrige besorgt das Telephon.
Man trifft sich im Gewühl der Großstadtstraßen.
Zu Hause geht es nicht. Man wohnt möbliert.
– Durch das Gewirr von Lärm und Autorasen,
– Vorbei am Klatsch der Tanten und der Basen
Geht man zu zweien still und unberührt.
Man küßt sich dann und wann auf stillen Bänken,
– Beziehungsweise auf dem Paddelboot.
Erotik muß auf Sonntag sich beschränken.
… Wer denkt daran, an später noch zu denken?
Man spricht konkret und wird nur selten rot.
Man schenkt sich keine Rosen und Narzissen,
Und schickt auch keinen Pagen sich ins Haus.
– Hat man genug von Weekendfahrt und Küssen,
Läßt mans einander durch die Reichspost wissen
Per Stenographenschrift ein Wörtchen: ›aus‹!
Schülergedicht (Zusammengesetzt aus den Strophen von verschiedenen Schülerinnen und Schülern):
Wir lernten uns ganz besonders intensiv kennen
Und wir trafen uns auf ein Rendezvous.
Kribbeln und Schmetterlinge im Bauch
verführen dazu, dass wir uns nie mehr trennen.
Beim zweiten Himbeereis wird aus Du und Ich ein Wir.
Wir lieben uns und ahnen schon das Abendrot
Das Leuchten froher Abendstunden schon.
Wir teilen Lachen, Liebe, Leben
Wir teilen die Freuden der Gehaltszulage,
...und sprechen stundenlang am Telefon.
Wir treffen uns am Rande der Stadt im Park
Aus zwei mal Zuhause wird nun eins
- durch kleine Gassen Hand in Hand
- vorbei an gerührten Blicken
gehen wir zu zweit still und nah.
Wir küssen uns auf stillen Bänken
- beziehungsweise auf dem Paddelboot
Erotik und Leidenschaft ohne Ende
Und dann die Frage alle Fragen?
Du brauchst nur noch "ja" zu sagen.
Jede Woche Rosen und Narzissen,
Ich schicke dir den Pagen stets ins Haus.
- Ich habe nie genug von Weekendfahrt und Küssen,
ich lasse es dich persönlich wissen
für jetzt und immer: du bist mein
