| Sozialwissenschaftliches Gymnasium

Du bleibst

Sophie Körner, eine Maturantin aus der SV 5, wird uns im August verschiedene Texte (Kurzgeschichten und Gedichte) vorstellen, die sie im Laufe des Schuljahres geschrieben hat.

Ich betrachte dich während du deine Zigarette mit dem “I heart Amsterdam”- Feuerzeug anzündest und ich finde du siehst gerade aus, als wärst du schon achtzig Jahre alt. Du siehst aus als wüsstest du, dass dein Leben sich allmählich dem Ende zuneigt. Als wüsstest du, dass du alle Menschen verloren hast, die dir wichtig sind. “Weil ich allen egal bin.”, seufzt du. Aber eigentlich bist du gerade mal zwanzig und wahrscheinlich ist es die Angst vor eben dem, welche dich so aussehen lässt.
Du glaubst du bist alleine. Du glaubst du bist alleine mit dieser Angst. Alle anderen um dir haben Freunde. Viele Freunde. Du willst auch Freunde.
Freunde, mit denen du auf den wildesten Partys die Nacht durchtanzen kannst.
Freunde, mit denen du dir einen After- Party- Döner holen kannst.
Freunde, die sich an deine Lieblingsfarbe erinnern.
Freunde, die dich fragen wie es dir eigentlich so geht.
Freunde, die dich einfach so anrufen, um dir von ihrem Tag zu erzählen.
Solche Freunde willst du.
Solche Freunde hattest du mal.
Doch eines Tages musstest du schmerzlich feststellen, dass deine Freunde ohne dich bis tief in die Nacht hinein tanzen und sich danach ohne dich einen After- Party- Döner holen.
Du musstest feststellen, dass deine Freunde sich wohl nie für deine Lieblingsfarbe interessiert haben und auch nicht mehr dafür, wie es dir denn eigentlich so geht.
Du musstest feststellen, dass du nicht mehr derjenige bist, an den sie denken, wenn sie jemandem von ihrem Tag erzählen möchten.
“Wieso trauert man eigentlich immer den Menschen nach, denen man egal geworden ist, anstatt sich auf die zu konzentrieren, denen man wichtig ist?”, fragst du während du deine Zigarette in den Aschenbecher drückst.
Die Wahrheit ist: Wir Menschen sind süchtig nach Zuneigung. Wir sind süchtig danach von anderen Menschen gemocht zu werden. Wenn uns andere zeigen, dass sie uns in ihrem Leben brauchen, sind wir etwas wert. Das schlimme daran Menschen zu verlieren, ist nicht wirklich ihre plötzliche Abwesenheit, sondern der plötzliche Entzug von Zuneigung.
Frei ist man erst, wenn man sich frei von dieser Sucht macht.
“Du bist einer dieser Menschen auf die ich mich konzentrieren sollte.”, sagst du. Du lächelst mich an und ich weiß, du bleibst.